Widmung für meine Mutter


Liebe Mutter,

Ja, es ist wahr, das Wesentliche jedenfalls, und es hätte auch wenig Zweck zu verleugnen, was ich Dir geschrieben habe, die versteckten Hinweise, die Du wahr genommen hast. Bin aus meiner Heimatstadt München nach Berlin umgezogen. Niemals und durch nichts wollte ich das Bild trüben, das ich von mir zurückgelassen habe.

Doch nun ist es so gekommen. So hast Du es aus meiner Feder erfahren, dass ich, Dein Sohn, jene Gestalt, mit welcher Du mich zur Welt entlassen hast, verändert habe. Drei Jahrzehnte habe ich meine Neigung versteckt gehalten und habe mich angeschickt, meine Zukunft als Transident, die Frau im Manne zu ergreifen und zu leben.

Ich habe das Schicksal herausgefordert, die gesellschaftlichen Normen verhöhnt, die Begriffe Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung pervertiert, der Anarchie Vorschub geleistet, die göttliche Ordnung verraten, an den Grundfesten der abendländischen Ordnung gerüttelt!

Aber was habe ich denn anderes getan, als dass ich endlich ja zu mir gesagt und mein Schicksal selbst in die Hand genommen habe? Nicht aus Leichtfertigkeit, sondern in Verzweiflung habe ich alles auf eine Karte gesetzt, nachdem ich mich 30 Jahre unterworfen und einen aussichtslosen Kampf gegen mich selbst geführt hatte. In dieser langen Zeit habe ich mit aller Kraft an meinem Selbst, wie ich es verstehe, festgehalten und verändert.

Nach wie vor gibt es natürlich Konflikte, wie für jeden anderen auch, die ausgetragen werden müssen. Aber sie sind für mich kalkulierbar geworden, und ich kann sie bewältigen, da mir dieser Zustand eines zumindest angenäherten Einklanges ein nie gekanntes Maß an Selbstsicherheit gewährt und zugleich eine Ruhe, die mir erstmals die Freiheit gibt, meine eigenen Bedürfnisse zu sehen.

Ich weiß, dass Du mich niemals als Frau begreifen wirst, so sehr Du Dir auch Mühe geben magst.

Nun, da Du alles weißt, kann ich mich zum ersten Mal seit meiner Kindheit Dir wieder ganz anvertrauen. Du solltest erfahren, wie alles gekommen ist, was ich auf dem Wege, den wir ein großes Stück zusammen gegangen sind, gefunden habe, und ich will Dir, um möglichst nahe bei der Wahrheit zu bleiben, auch von Dingen erzählen, die ich am liebsten voller Scham verschwiegen hätte.

Ich hoffe inständig, dass ich niemanden in Versuchung führe, meine Offenheit gegen mich zu wenden, denn ich eigne mich wenig zum Märtyrer, möchte vielmehr auch meinen äusseren Frieden haben, nach dem ich einmal mit mir selbst versöhnt bin.

Dein Sohn, eine Transfrau, Deine Tochter mit Leib und Seele!

Berlin, im April 2004

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