Streit ums Gedenken an Charlotte von Mahlsdorf


Zum Gedenken an Charlotte von Mahlsdorf (Gründerin und lange Jahre Leiterin des Gründerzeit Museums, bürgerlich "Lothar Berfelde") wurde am Museumsgebäude eine Gedenktafel angebracht, finanziert durch Spenden, die von der "Interessengemeinschaft Historische Friedhöfe" gesammelt wurden. Als Grundlage der Spendensammlung kursierte ein Text, der ausdrücklich Charlotte von Mahlsdorf würdigte und der sich berief aufs Motto hres Buches "Ich bin meine eigene Frau".


Auf Intervention der Berfelde-Familie wurde dann allerdings der Text stark verändert. Anstelle des zunächst genannten Textes steht nun auf der Tafel: "Lothar Berfelde, genannt Charlotte von Mahlsdorf, dem Museumsgründer zur Erinnerung". Angesichts dieses Textes fühlen sich die Spender, durchwegs Freunde von Charlotte um die ursprüngliche Absicht betrogen. Peter Steinmann von der Interessengemeinschaft findet den neu gefassten Text "widersinnig" und er erinnert daran, dass Charlotte von Mahlsdorf sich selbst eindeutig als Frau definiert und sich von ihren bürgerlichen Ursprüngen klar distanziert habe.





Das Ende eines Albtraums: Lucy wird ein Mann




Geboren im falschen Körper: Berliner Studentin verwirklicht ihren Traum und unterzieht sich einer Geschlechtsumwandlung


Von Nicole Dolif


Die kleine rosa Pille ist geschluckt. Nicklas lässt seinen Kopf auf das Kissen sinken. Seine Augenlider werden langsam schwer. Wie durch Watte hört er die Schritte der Schwestern draußen auf dem Gang, die ihn zur OP holen wollen. Der 22-jährige Berliner Student atmet ganz ruhig. Er hat jahrelang auf diesen Tag gewartet. Es ist 7.30 Uhr. In einer Stunde wird das Skalpell von Dr. Robert Kampmann, Chef der Gynäkologie des St. Josef-Krankenhauses in Troisdorf nahe Köln/Bonn, ihn endlich auch äußerlich etwas mehr zu dem machen, was er innerlich längst ist. Zu einem Mann.



Damals, als Nicklas noch Lucy (Name v. d. Red. geändert) hieß, war er ein süßes Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Dass Lucy lieber mit den Jungs raufte, statt mit Puppen zu spielen, und beim Vater-Mutter-Kind-Spielen nie in die Rolle der Mutter, sondern nur in die des Vaters schlüpfen wollte, ist niemandem aufgefallen. "Ich wollte eben viel lieber ein Junge sein", sagt Nicklas, der als Kleinkind mit seinen Eltern aus Hongkong nach Berlin kam.


Die großen Probleme begannen in der Pubertät. "Ab der siebten Klasse wurde der Sportunterricht getrennt. Und ich musste natürlich bei den Mädchen mitmachen", sagt Nicklas. "Ein einziger Albtraum. Ich fühlte mich als Junge und hätte mich nie vor all den Mädchen ausgezogen. Mein Sportzeug hatte ich deshalb immer schon drunter." Als dann auch noch der Busen anfing zu wachsen, konnte Lucy sich gar nicht mehr mit ihrem Körper identifizieren. "Ich mochte mich nicht nackt im Spiegel betrachten. Mein Körper war mir unangenehm", sagt Nicklas. Schon als 16-Jährige ist Lucy sich sicher, dass mit ihr irgendetwas nicht stimmt, dass sie einfach kein Mädchen sein kann. "Ich begann mich mit meiner Situation auseinanderzusetzen, suchte nach Antworten im Internet." Sie erfährt von einem Transsexuellen-Stammtisch in Schöneberg. "Das erste Treffen war eine Erlösung. Es tat so gut, mit Menschen zu reden, die so fühlten wie ich."


In Deutschland leiden rund 5000 Menschen darunter, im falschen Körper geboren zu sein. Im Gegensatz zu Transvestiten, denen es reicht, gelegentlich die Kleidung des anderen Geschlechts anzuziehen, geht es den Transsexuellen um einen dauerhaften physischen Wandel. Doch der Weg von einem Geschlecht zum anderen ist lang und schwer. Psychologische Gutachten, Behördengänge, Hormonbehandlung und schließlich mindestens drei Operationen, die in den Lehrbüchern als "Geschlechtsumwandlung" bezeichnet werden. Der erste Schritt ist die Brustamputation, danach werden Eierstöcke und Gebärmutter entfernt. Aber am kompliziertesten ist der dritte Eingriff: der so genannte Penoidaufbau. Dafür wird aus dem Unterarm ein Stück Haut genommen, daraus ein Penis geformt. Aus den Schamlippen macht der Arzt die Hoden.


Nicklas will diesen Weg gehen. Seine wenigen Freunde haben mit Verständnis reagiert, seine Mutter mit Entsetzen. "Sie spricht mich bis heute mit meinem weiblichen Vornamen an und ignoriert meine Veränderung", sagt Nicklas. Es macht ihn traurig. Aber seine Entscheidung steht fest. Schon seit zwei Jahren bekommt er monatlich Testosteron gespritzt. Es macht ihn jeden Tag ein bisschen mehr zum Mann. Erst wurde die Stimme tief, dann begann der Bart zu wachsen. "Mein ganzer Körper hat sich verändert", sagt Nicklas, "ich habe viel stärkere Muskeln bekommen und hatte auch schnell fünf Kilo mehr drauf." Selbst seine Füße seien gewachsen, "um mehr als eine Nummer", sagt er.


Die körperlichen Veränderungen machen Nicklas selbstbewusst. Endlich fühlt er nicht nur wie ein Mann, sondern sieht auch so aus. Jedenfalls fast. Denn obwohl er jeden morgen seine Brust mit einer festen Bandage einschnürt, wölben sich unter seinen weiten T-Shirts ganz leicht weibliche Formen. "Schrecklich", sagt Nicklas, "die Dinger müssen dringend weg."


Es ist kurz nach 8 Uhr. Nicklas dämmert seinem neuen Leben entgegen. Der Beatmungsapparat keucht rhythmisch. Nicklas liegt auf dem OP-Tisch, seine Haut sieht fahl aus in dem hellen Licht. Eine Schwester bestreicht seine kleinen festen Brüste sorgfältig mit Desinfektionsmittel. Neben ihm auf einem Tischchen liegt das Operationsbesteck. Dr. Robert Kampmann macht um die Brustwarze herum einen schnellen M-förmigen Schnitt. "So ist später praktisch keine Narbe zu sehen", sagt er. Kampmann hat lange an seiner Technik gefeilt, seit er vor 16 Jahren den ersten Transsexuellen auf dem OP-Tisch hatte. "Zufall, dass der ausgerechnet bei mir gelandet ist", sagt er.


Mittlerweile ist Dr. Robert Kampmann ein Geheimtipp in der Transsexuellen-Szene. Vier- bis fünfmal im Monat "befreit" sein Skalpell einen Transsexuellen von seinen Brüsten. Viele der Bio-Frauen, die er äußerlich zu Männern gemacht hat, verehren ihn. "Es gibt in Deutschland nicht allzu viele Kollegen, die das gut machen", sagt er. Und die außerdem noch die Transsexuellen und ihre Probleme Ernst nehmen. "Dabei sind die wirklich ganz arm dran", sagt er. Moralische Bedenken hat er nicht. "Nein, diese Operation ist die einzige Therapie, die ihnen wirklich hilft." Abtreibungen sind in seinem katholischen Krankenhaus allerdings verboten.


Kampmann verlangt eine Pinzette. 100 Gramm entfernt er aus Nicklas linker Brust, 80 aus der rechten. Er lässt die Fleischstückchen auf ein Tablett gleiten. Sehr klein sehen sie aus. Und doch haben sie Nicklas jahrelang gequält.


Nach eineinhalb Stunden ist alles vorbei. Nicklas liegt wieder in seinem hellen Einzelzimmer im achten Stock. Ganz langsam kommt er zu sich. Den ersten großen Schritt auf dem Weg von der Frau zum Mann hat er hinter sich. Seine rechte Hand tastet nach seiner Brust. Sie ist fest bandagiert. Er lächelt müde. "Endlich", sagt er, "ganz flach."


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