In der Gender-Community gibt es eine feine gesellschaftliche Rangfolge

Marla Louis' Writings

The Gender Rules

An der Spitze stehen die Transsexuellen,

die sowohl ihre Geschlechterrolle als auch ihre äußeren Geschlechtsmerkmale ändern wollen (oder sie schon geändert haben) und damit im Prinzip ihr Geschlecht ändern.

Unter ihnen stehen die Transgender,

die wahrscheinlich ihren Körper etwas verändert haben und, was viel wichtiger ist, die ihre 'Geschlechterrolle' geändert haben, welche ihnen die Gesellschaft mit der Geburt zugeordnet hatte.

Unter diesen beiden steht der Transvestit.

Innerhalb der Kategorie der Transvestiten würde ich zwei wesentliche Untergruppen sehen. Die eine ist der "Bigendered Transvestit", dessen 'Person' beide Geschlechter umfaßt, d.h. er wechselt zwischen den Geschlechtern hin und her und ist je nach Bedarf ein Mitglied des einen oder des anderen Geschlechts.

Die zweite Untergruppe der Transvestiten würde ich den "erforschenden Transvestiten" nennen. Das ist jemand, der seine 'Geschlechterrolle', die ihm bei seiner Geburt zugeordnet wurde, nicht verläßt; aber er ist bereit, gesellschaftliche Regeln wahrzunehmen und zu brechen, um das andere Geschlecht zu erforschen. Das kann er aus vielerlei Gründen machen. Einer der offensichtlichsten ist sexuell, aber das ist gewiß nicht der einzige Grund.

Und schließlich stehen unter all diesen die "Straights"

(1), d.h. ganz "Normale", die in ihrer seit der Geburt festgelegten Geschlechterrolle leben und sie auch niemals verlassen, nicht einmal probehalber.

Warum diese Hierarchie in genau dieser Ordnung?

Die Hierarchie scheint die Bereitschaft jedes einzelnen, seinen Körper zu ändern, zu betonen. Nun unterstütze ich keinerlei Rangordnungen, aber ich möchte eine Sicht auf eine andere Hierarchie präsentieren, und zwar so, daß das Ergebnis ein wenig durcheinanderkommt. Eine Sicht, die die Prioritäten etwas umordnen könnte. Hier liegt die Betonung darauf, diese Kategorien im Hinblick auf die gesellschaftlichen "Geschlechter-Regeln" zu betrachten.

Die Gesellschaft hat einige sehr strenge Regeln über die Geschlechter aufgestellt, die wir alle gut kennen. Normalerweise bleiben sie ungeschrieben, aber ich möchte sie alle drei darlegen ...


Regel 1:

Das Geschlecht (die Geschlechterrolle) jedes einzelnen wird bei der Geburt festgelegt, und wenn sie einmal festgelegt ist, kann sie nicht mehr geändert werden.


Regel 2:

Das Geschlecht jedes einzelnen definiert sich durch die Form der äußeren Geschlechtsmerkmale, die jemand aufweist.

Regel 3:

Es gibt nur zwei Geschlechter und jedes Mitglied der Gesellschaft muß Mitglied eines und nur eines Geschlechts sein.


Eine Bemerkung zu diesen Regeln. Viele Mitglieder unserer Gesellschaft glauben an diese Regeln. Für sie ist das kein Lippenbekenntnis, sondern ein so fester Glaube, daß sie keinen Unterschied zwischen ihrem Glauben und der 'Realität' wahrnehmen. Für diese Individuen sind diese Regeln genauso wenig zu brechen wie das Gesetz der Schwerkraft.

Was haben diese drei Regeln mit den Transgender-Kategorien zu tun?

Laßt uns zuerst die größte Kategorie anschauen, die "Straights". Sie folgen allen drei Regeln. Das machen sie wahrscheinlich aus zwei Gründen. Entweder glauben sie an die Geschlechter-Regeln und können es einfach nicht begreifen, daß sie jemand brechen kann. Oder, wenn das nicht der Fall ist, finden sie, daß ihre 'Person' gut mit diesen Regeln klarkommt, und sie finden keinen Grund, die Regeln zu brechen.


Was geschieht nun, wenn wir nur die erste Regel verwerfen, aber immer noch an die Regeln zwei und drei glauben bzw. ihnen folgen?


Wir haben die Gruppe der Menschen, die man Transsexuelle nennt. Sie lehnen die erste Regel ab, indem sie ihr Geburtsgeschlecht zurückweisen, aber sie folgen immer noch den Regeln zwei und drei.

Sie ändern ihre Genitalien, um diese ihrer geschlechtlichen Identität anzupassen und folgen dem Zweigeschlechtersystem, indem sie eine und nur eine einzige Geschlechterrolle annehmen. Ihr Lebensweg lehnt nur die erste Regel ab, indem sie ihre ursprüngliche Geschlechterrolle zurückweisen. Wie die "Straights" stimmen sie den Regeln 2 und 3 zu, da sie an diese ungeschriebenen Gesetze 'glauben' oder weil sie finden, daß ihre 'Person' ganz gut innerhalb der Regeln zwei und drei funktioniert.

Die nächsten sind die Transgender-Menschen. Sie brechen die Regeln eins und zwei, aber folgen immer noch der dritten Regel bzw. glauben an sie. Denn sie sie identifizieren sich noch immer mit einer einzigen Geschlechterrolle.


Schließlich haben wir die Bigendered-Transvestiten. Um zu existieren, müssen sie in ihrer Seele alle drei Regeln ablehnen. Denn wenn sie an nur eine von ihnen glaubten, würde es sie daran hindern, ihr Selbst zu leben. Sogar der experimentierende Transvestit muß bereit sein, diese Regeln von seiner Überzeugung weit genug zu abzugrenzen, damit er diese Regeln zum Zweck des Erforschens brechen kann.



Was heißt das nun alles?


Ich würde vorschlagen, daß die angenommene Reihenfolge von den "Straights" über die Transvestiten und die Transgendered hin zu den Transsexuellen nicht die einzige Hierarchie ist. Es gibt eine andere Hierarchie basierend auf der Ablehnung der gesellschaftlichen Geschlechter-Regeln und dem Glauben daran. Abhängig davon, ob das Ablehnen der gesellschaftlichen Geschlechter-Regeln 'gut' oder 'schlecht' ist, können wir nun eine unterschiedliche 'Entwicklung' in der Transgender-Welt konstruieren. Denn es gibt sowohl eine gerechtfertigte Entwicklung von den "Straights" über die Transsexuellen, die Transgendered hin zu den Transvestiten als auch umgekehrt.

Eine andere Bemerkung. Intoleranz ist eines der Hilfsmittel, derer sich die Gesellschaft bedient, um ihren 'Regeln' Nachdruck zu verleihen. Eine intolerante Person ist jemand, der an eine 'gesellschaftliche Regel' in einem solchen Grad glaubt, daß er bereit ist, Mitglieder der Gesellschaft, die nicht dieser gesellschaftlichen Regel folgen, abzulehnen, zu demütigen und/oder ihnen Leid zuzufügen. Demzufolge versuchen die Intoleranten der "Straights" in unserer Gesellschaft, uns alle zu demütigen. Das bedeutet nicht, daß alle "Straights" intolerant sind, aber es heißt, daß Intolerante in mindestens eine der drei Geschlechter-Regeln so sehr glauben müssen, daß sie bereit sind zu versuchen, diese Regeln anderen aufzuzwingen.

In ähnlicher Weise bin ich zufällig an ein paar intolerante TS geraten.

Sie glauben an die Regeln zwei und drei und sind bereit, jeden zu demütigen, der diesen Regeln nicht folgt! Noch einmal, das bedeutet nicht, daß alle TS intolerant sind (sie sind weit davon entfernt!), aber es bedeutet, daß ein TS gegenüber TG's und TV's intolerant sein kann, und das erklärt auch die Intoleranz, die wir sehen.

Aber bevor ihr TV's euch für etwas Besseres haltet, möchte ich andeuten, daß einige TV's ebenfalls Intoleranz bezüglich der Geschlechter zeigen.

Das kann die schlimmere Form der Intoleranz sein, wenn sie für sich selbst willens sind, die Regeln zu brechen, dann aber auf andere herabsehen, die die Regeln vollständig ablehnen. Vielleicht versuchen sie auch, uns eine andere gesellschaftliche Regel aufzuzwingen: "Das Fortpflanzungssystem jedes einzelnen ist tabu."


An welche "gesellschaftlichen Geschlechter-Regeln" glaubst Du denn nun?


(1) Anmerkung der Übersetzerin:


Der Begriff "Straight" bezeichnet eigentlich einen Menschen, der nicht homosexuell ist. In diesem Zusammenhang hier ist also jemand gemeint, der keinerlei Ambitionen hat, sich in Richtung des anderen Geschlechts zu bewegen, jemand, der niemals auf die Idee käme, eben z.B. Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen. Da mir kein passender Begriff im Deutschen eingefallen ist, habe ich das englische Wort so stehenlassen.

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